ERP
Agentic ERP: Kommt Best of Breed zurück?
Die ERP-Welt pendelt seit dreißig Jahren zwischen großer Suite und spezialisierten Einzellösungen. Mit KI-Agenten als Integrationsschicht bekommt die alte Debatte eine neue Achse: Es geht nicht mehr um Suite oder Best of Breed, sondern darum, wer künftig die Integrationsschicht stellt.
Ein Pendel mit dreißig Jahren Laufzeit
Die Geschichte der Unternehmenssoftware lässt sich als Pendel erzählen. In den Neunzigern stand das eine große System im Rechenzentrum: alle Daten an einem Ort, alle Funktionen unter einem Dach, keine davon herausragend. Dann kam die Gegenbewegung. Für jede Aufgabe das beste Werkzeug, Best of Breed, verbunden über Schnittstellen, die jemand pflegen musste. Als diese Pflege teurer wurde als die Werkzeuge, schwang das Pendel zurück zur Suite. Odoo ist das sichtbarste Beispiel dieser Runde: ein System, dreißig Module, vom CRM bis zur Fertigung.
Jetzt kündigt sich die nächste Umkehr an, und sie hat einen Namen, den 2026 jeder Hersteller im Prospekt führt: Agentic ERP. Die Frage dahinter ist ernster als das Schlagwort. Wenn KI-Agenten Systeme selbstständig bedienen können, wird die Integration billig, an der Best of Breed einst gescheitert ist. Kommt der Ansatz also zurück, mit KI als Klebstoff?
Die kurze Antwort: Das Pendel schwingt nicht einfach zurück. Es bekommt eine neue Achse.
Der Klebstoff war immer das Problem
Warum Best of Breed historisch verloren hat, ist schnell erklärt. Ein Webshop, ein Lagersystem und eine Finanzbuchhaltung von drei Herstellern brauchen sechs Richtungen, in denen Daten fließen. Jede davon ist ein Projekt, jede bricht bei einem Update, und nach fünf Jahren weiß niemand mehr, warum der Artikelabgleich nachts um zwei läuft. Die Suite hat dieses Problem nicht. Sie hat dafür ein anderes: Kein Anbieter ist in allem gut. Diesen Satz bestätigt auch Gartner: Die Suite-Anbieter holen bei einzelnen Modulen schnell zu den Spezialisten auf, aber kein Hersteller liefert über alle Bereiche die beste Lösung.
Aus genau diesem Dilemma ist der Begriff entstanden, den Analysten seit einigen Jahren als Zielbild ausgeben: Composable ERP. Gemeint ist ein stabiler transaktionaler Kern für Finanzen, Lager und Stammdaten, ergänzt um spezialisierte Bausteine an den Rändern, verbunden über dokumentierte APIs. Die alte Entweder-oder-Frage ist damit offiziell beerdigt. Dass der Leidensdruck real ist, zeigt eine zweite Gartner-Prognose: Mehr als 70 Prozent der kürzlich gestarteten ERP-Initiativen werden ihre ursprünglichen Ziele verfehlen (Gartner, 2023). Der Monolith gilt inzwischen selbst bei denen als Bremse, die ihn verkaufen.
Was die Agenten daran ändern
Composable ERP blieb bisher vor allem eine Architektur-Folie, weil der Klebstoff fehlte. APIs zu haben ist nicht dasselbe wie sie zu verbinden. Hier setzt die eigentliche Neuerung an, und sie ist unspektakulärer als das Marketing: ein Steckerformat.
Das Model Context Protocol, kurz MCP, definiert, wie ein KI-Agent die Werkzeuge eines Systems findet und aufruft. „Kunde suchen”, „offene Posten lesen”, „Auftragsentwurf anlegen”. NetSuite unterstützt das Protokoll inzwischen offiziell, für Odoo und ERPNext existieren mehrere Server aus der Community, teils mit gestaffelten Schreibrechten und Protokollierung. Der Bitkom-Arbeitskreis ERP nennt in seinem Leitfaden zu Multi-Agenten-Systemen die Fähigkeit, natürlichsprachliche Anfragen in API-Aufrufe zu übersetzen, einen Grundpfeiler der kommenden Architektur (Bitkom, 2026).
Damit sinken die Integrationskosten tatsächlich, aber an einer anderen Stelle, als die Werbung suggeriert. Ein Agent ersetzt keine Middleware. Der nächtliche Artikelabgleich zwischen Shop und Lager bleibt ein deterministischer Datenfluss, und der gehört in eine Integration, die jedes Mal exakt dasselbe tut. Was der Agent übernimmt, ist das Dynamische darüber: die Ausnahme, die Rückfrage, die Auskunft quer über drei Systeme, für die bisher ein Mensch vier Masken öffnen musste. Wo die Grenze zwischen Lesen und Schreiben verläuft und warum ein Buchungssatz kein Vorschlag ist, haben wir am Beispiel ERPel durchgespielt.
Zwei Lager, eine Machtfrage
Interessant wird es bei der Frage, wo diese Agenten wohnen. Dazu haben sich zwei Lager gebildet, und sie erzählen zwei verschiedene Zukünfte.
Die Suite baut die Agenten ein. SAP hat im Mai 2026 auf seiner Hauskonferenz Sapphire das „Autonomous Enterprise” ausgerufen: über 50 Domänen-Agenten unter dem Assistenten Joule, dazu ein Studio, in dem Kunden eigene Agenten bauen. Microsoft verfolgt mit Copilot für Dynamics 365 dieselbe Linie, Odoo liefert KI-Funktionen in der Suite mit, und der deutsche Mittelstandsanbieter proALPHA hat eine eigene Industrial-AI-Plattform. Das Argument dieses Lagers ist gewichtig: Ein Agent ist nur so gut wie der Kontext, den er versteht, und die Suite besitzt das semantische Datenmodell schon. Wer die Agenten kauft, wo die Daten liegen, bekommt sie schneller produktiv.
Die Agenten legen sich über die Systeme. Das Gegenmodell nennt McKinsey „Headless ERP”: Das ERP wird zum Backend, das Buchungen sicher verwahrt, während eine Agentenschicht darüber die Bedienung, die Entscheidung und die Verbindung zu anderen Systemen übernimmt. In dieser Lesart verliert das System of Record seine strategische Sonderstellung. Es bleibt unverzichtbar für Revisionssicherheit und Compliance, aber die Intelligenz, und mit ihr die Bindung des Kunden, wandert in die Schicht darüber. Für Best of Breed ist das die interessante Wendung: Wenn ohnehin eine Agentenschicht über allem liegt, ist es beinahe gleichgültig, ob darunter eine Suite arbeitet oder fünf Spezialsysteme. Der Agent zieht seine Signale aus allen.
Der Bitkom-Leitfaden formuliert die Konsequenz für die Hersteller ungewohnt offen. Drei Wege stehen ihnen offen: Agenten fest in die eigene Suite einbetten, sich zum reinen Datenspeicher für fremde Agenten degradieren lassen, oder den Kern öffnen und selbst zur Plattform werden, auf der eigene und fremde Agenten laufen (Bitkom, 2026). Der dritte Weg liest sich als der tragfähigste, und er ist zugleich der teuerste.
Was Substanz ist und was Prospekt
Bei allem Momentum lohnt der nüchterne Blick auf die Gegenrechnung. Gartner erwartet, dass über 40 Prozent der Agentic-AI-Projekte bis Ende 2027 abgebrochen werden, wegen ausufernder Kosten, unklarem Nutzen oder fehlender Risikokontrollen (Gartner, 2025). Dieselbe Analyse schätzt, dass von den tausenden Anbietern mit „Agent” im Prospekt nur rund 130 echte agentische Technologie liefern. Der Rest etikettiert Chatbots und Automatisierungen um.
Dazu kommt das Problem, das kein Protokoll löst: Ein Sprachmodell ist nicht deterministisch, ein ERP schon. Die GoBD verlangen für jede Buchung einen nachvollziehbaren Urheber, und fragmentierte Stammdaten machen den klügsten Agenten wertlos. Der Bitkom bringt es auf den Punkt, den wir aus jedem ERP-Projekt kennen: Agentic ERP ist weniger eine Frage einzelner KI-Funktionen als eine Frage der Systemarchitektur und der Datenqualität darunter. Erst 11 Prozent der deutschen Unternehmen setzen KI überhaupt zur Optimierung ihrer Unternehmenssoftware ein (Bitkom Research, 2025). Zwischen Sapphire-Bühne und Buchhaltungsalltag liegt einige Strecke.
Was das für den Mittelstand heißt
Für ein mittelständisches Unternehmen übersetzt sich die Debatte in drei Entscheidungen, die heute anstehen, auch wenn kein Agent im Haus läuft.
Die Schnittstelle wird zum Auswahlkriterium. Ein ERP, das seine Daten nur über die eigene Maske herausgibt, wird in jeder der beiden Zukünfte zum Problem. Ob die Agenten vom Hersteller kommen oder von außen: Sie brauchen dokumentierte APIs, ein Rechtemodell, das auch für Maschinen gilt, und ein Änderungsprotokoll. Systeme wie ERPNext und Odoo bringen das architektonisch mit. Bei Angeboten ohne offene Schnittstelle ist die Frage an den Anbieter fällig, wie er sich die nächsten zehn Jahre vorstellt.
Der Kern darf langweilig sein. Die kommende Architektur belohnt einen schmalen, stabilen, revisionssicheren Kern und bestraft den Versuch, jede Funktion im selben System abzubilden. Das entlastet die Systemwahl: Nicht das ERP mit den meisten Modulen gewinnt, sondern das mit dem saubersten Fundament unter den Prozessen, die wirklich zählen.
Die Datenbasis entscheidet, nicht das Modell. Ein Agent auf einem ungepflegten Datenbestand ist ein schnellerer Weg zu falschen Antworten. Die Vorarbeit, die wir für jede ERP-Einführung beschreiben, also Prozesse klären, Stammdaten bereinigen, Umfang abgrenzen, ist zugleich die Vorarbeit für jede spätere Agentenschicht. Sie veraltet nicht, egal welches Lager gewinnt.
Kleinere Häuser haben dabei einen Vorteil, den der Bitkom ausdrücklich nennt: In überschaubaren Strukturen lassen sich Agenten schneller produktiv machen als im Konzern. Wer heute Lesefälle anbindet, den Vertrieb, die Geschäftsführung, den Techniker unterwegs, sammelt die Erfahrung, auf der die nächste Ausbaustufe aufsetzt.
Wie wir das machen
Wir beraten bei der ERP-Einführung herstellerneutral und beginnen vor der Systemfrage: Prozesse, Datenlage, Umfang. Die Frage nach offenen Schnittstellen und Agentenfähigkeit gehört für uns inzwischen in jedes Lastenheft, nicht als Modethema, sondern als Absicherung der Investition. Und wenn der erste Schritt nicht das große Zielbild ist, sondern ein schmaler Agent, der auf einer vorhandenen Schnittstelle Auskünfte gibt: Solche Anbindungen baut unsere Schwester-Marke pad.software als Web-Applikationen und APIs.
Das Pendel kommt also zurück, aber es schwingt nicht in die alte Position. Best of Breed scheiterte an der Integration, und die wird gerade billiger. Entschieden wird die nächste Runde trotzdem woanders, nämlich bei der Frage, wer künftig integriert: die Suite von innen oder eine neutrale Agentenschicht darüber.
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